ICH (in-corporated human being) = KOERPERVERNUNFT ???

Mein letztes Denkangebot auf diesem Blog ist ueber ein Jahr alt. Es passiert mir immer wieder, dass mir zu den Aspekten, die ich auf einer meiner Seiten thematisieren moechte, lange Zeit keine Idee kommt. Das haengt auch mit der Koerpervernunft zusammen, die mich erst in Gang setzt, wenn etwas Entsprechendes auftaucht.

Eigentlich bin ich heute nicht mehr mit meiner Entscheidung einverstanden, einen Blog zu eroeffnen, der sich mit KOERPERVERNUNFT beschaeftigt. Nicht nur weil der Terminus viele traditionellen Sollbruchstellen einschlieszt, sondern vor allem auch weil ich mir unter KOERPERVERNUNFT nur etwas recht Bruchstueckhaftes vorstellen kann. Sie ist eine fantasierte Idee ohne ausschlieszlich fiktional zu sein, denn es gibt ja Sensorierbares, das ich dieser Idee zuordnen kann. Sie bezeichnet wohl auch organische Funktionen meines Koerpers, die ich nicht merken kann. Sie scheinen sich irgendwie mit Merkbarem zu verbinden und das zu wirken, was ich als Impuls empfinde. Das was sich fuer mein ‚handeln‘ aus diesen Funktionen ergibt, tue ich und die Folgen habe auch wieder zu tragen. ‚handeln‘ und ‚Folgen tragen‘ wiederum kann ich sensorieren und erinnern.

Fuer die Funktion KOERPERVERNUNFT sammle ich Denkstoff, naemlich das, was ich sehe und empfinde. Dies gilt fuer jede Entscheidung. Ich moechte mein ‚entscheiden‘ eigenstaendig treffen. D. h. ich moechte fremde Ideen nicht uebernehmen. Wenn mir jemand sagt, mach es doch so wie ich, dann klappt das nicht. Ich kann nicht einfach nachmachen, was andere tun. Ich kann hoechstens hinsehen, was jemand tut und mit ihm darueber sprechen und dann ueberlegen, ob das, was er in seiner bestimmten Situation tut, fuer mich eine Moeglichkeit zu handeln in meiner anderen Situation ist. Die Ratschlaege, die andere mir geben, kann ich also nicht 1:1 uebernehmen. Das was jemand tut, ist fuer mich eine Anregung bzw. Pertubation, aus der ich wieder etwas anderes mache.

Fuer die meisten Menschen sind derartige kleinste Unterscheidungen unerheblich, bzw. sie werden nicht bemerkt. Mir aber gibt es zu denken, wenn mich ein freundlicher Mensch auffordert, etwas so zu tun, wie er es tut. Auch ich ging einmal davon aus, dass es so etwas wie nachmachen gibt. Doch inzwischen steht für mich fest:  ich kann es nicht. Als ich es von meinen Schuelern verlangte, scheiterte ich. Kopieren kann ich schon, aber nicht nachmachen. Wieder so ein Unterschied: Ich kann kopieren, wie jemand geht, aber ich kann nicht nachmachen, wie er geht (nicht machen zu gehen wie er). Kopien sind eben nie das Original und wenn jemand sagt, mach es doch so wie ich, geht er im Unterschied zu mir davon aus, das das Gleiche, was ihm gelungen ist, auch mir gelingen muesste. Doch ich kann nur geduldig zulassen, was ICH tut.

Ich bastle mir dazu meine eigenen Konzeptionen und folge dem Prinzip: Die Idee KOERPERVERNUNFT ist ein philosophisches Angebot zur authentischen Neukonzeption des Eigenen, die ohne Uebernahme von Fremdem auskommt. Dies macht mir ‚entscheiden‘ angenehm.

Die von mir verwendete Definition von ICH stammt von Rolf Reinhold.

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Koerpervernunft und Moral


Ueber die Faehigkeit, das Gute vom Boesen zu unterscheiden“ …

…war das Thema der Papstrede vor dem deutschen Bundestag im September 2011.

Diese Formulierung von Moral bzw. Ethik veranlasste mich genauer hinzusehen, was Ratzinger darunter wie abhandelte. Auch ich gehe davon aus, dass Menschen in der Lage sein duerften zu unterscheiden, was ihnen nuetzt und sie zu jeweils besserem ‚handeln‘ veranlasst, bzw. was ihnen schadet und ihr ‚handeln‘ beeintraechtigt. ‚boese‘ und ‚gut‘ sind fuer mich Termini eines urteilenden Denkens, das sich an ganz bestimmten ethischen und moralischen Kriterien orientiert, die sich aus einer ganz bestimmten Weltanschauung ergeben. In der paepstlichen Weltanschauung wird menschliches Handeln nach ‚gut‘ und ‚boese‘ bewertet. Es gibt daher ‚gute‘ und ‚boese‘ Menschen. Die ‚guten‘ Menschen kommen in den Himmel, die ‚boesen‘ in die Hoelle. ‚gut‘ entspricht ‚den Willen Gottes tun‘ – ‚boese‘ dem Gegenteil, ‚den Willen des Widersachers, des Satans‘ tun. Ich teile nicht die paepstliche Weltanschauung. Ich kenne den Willen Gottes nicht. Ich gehe veranlasst durch meine und Beobachtungen anderer davon aus, dass Menschen stets so handeln, wie sie im Moment zu handeln in der Lage sind. Und ich gehe davon aus, dass sie ihr ‚handeln‘ als fuer sie nuetzlich betrachten. Je nach dem, welche Weltanschauung sie haben, werden sie ihr ‚handeln‘ und das anderer entsprechend bewerten.

Ich fand in der Papstrede zum groeszten Teil – wenig ueberraschend – alte Theorien: „Die Politik muss Muehen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung fuer Frieden schaffen.“ Andererseits Aeuszerungen ueber eine „Oekologie der menschlichen Natur“, die es mir ermoeglichten, koerpervernuenftige Ueberlegungen damit zu assoziieren und so innerhalb der katholischen Weltanschauung fuer Menschen Moeglichkeiten zu entdecken, menschliches ‚handeln‘ etwas anders zu sehen als bisher. Es koennte dem  gesellschaftsweiten Gespraech nützlich sein.   

Dass die Politik „Muehe um Gerechtigkeit“ sein muesse, um „so die Grundvoraussetzung fuer Frieden“ zu schaffen, verband Herr Ratzinger mit einem Bibelzitat anlaesslich der Inthronisation des Koenig Salomon, von dem ihm die Bitte Salomons um „ein hoerendes Herz“ auch sein Anliegen zu sein schien, das er den Mitgliedern des Deutschen Bundestages vortrug.

Derselbe Koenig soll gesagt haben: „Ich … sah die, die Unrecht leiden unter der Sonne; und siehe, da waren Traenen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Troester; …“ (Prediger Salomon 4,1.) Das individuelle Schicksal ist der Willkuer der Maechtigen ausgesetzt. Auch die bundesdeutsche Demokratie zeigt m. E diesen Sachverhalt. Arbeitslosengeld und Steuergrenze fuer Reiche markieren diesen. Menschen, die arbeitslos sind, werden mit einer Unterstuetzung versorgt, die ein Lebensminimum ermoeglicht, das kaum dem gesellschaftlichen Standard entspricht und auch nicht den Rahmen fuer Eigeninitiative schafft. Fuer Reiche gibt es eine Steuergrenze, die es ermoeglicht, alles, was darueber hinaus verdient wird, steuerfrei eigenstaendig zu verbrauchen. Es sieht so aus, dass die, die viel verdienen, die Lieblingskinder der Nation sein duerften, die man belohnen moechte. Die anderen werden fuer ihr unterstelltes Versagen abgestraft. Sie unterliegen der Kontrolle. Sie muessen sich bei jedem ihrer Schritte des Einverstaendnisses der Institutionen versichern. Ihnen sind wirtschaftlich und sozial die Haende gebunden, ihre eigene Situation kreativ zu veraendern.

Meinte Ratzinger das mit „Muehen um Gerechtigkeit“? Ich denke da wie meine Religionslehrer: Dies duerfte ein ‚pharisaeischer‘ Ethos sein, die Moral und die Gesetze, die daraus erwachsen duerften es gleichfalls sein. „Gerechtigkeit“ – wie Ratzinger sie hier thematisiert – scheint mir die des Roemischen Rechtes zu sein. Dieses schuetzt die „Sache(n) der Staerkeren“ macht die „Sache(n) des Schwaecheren“ zu einer Rechtsstoerung. „Das Eigentuemlich-Einzigartige des roemischen Rechts ist die Isolierung der sogenannten Rechtsfragen von allen anderen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen Aspekten, die ‚Konstituierung einer eigenstaendigen Rechtswelt‘ (Wieacker). Sie wird konstituiert im Monopol von Rechtsgelehrten, die, wie auch die Laienrichter, nur dem Adel, zunaechst dem alten, und, seit dem 1. vorchristlichen Jahrhundert, auch dem neuen Geldadel entstammten. … Gerechtigkeit ist im Rahmen dieser Honoratiorenjurisprudenz kein eigentlich juristischer Maszstab. ‚Nur die Schwachen‘, sagt Aristoteles (Politik 1318 b 4), ‚erstreben das Gleiche und Gerechte, die Starken kuemmern sich nicht darum.'“ (Hans Erich Troje: Europa und griechisches Recht.  Frankfurter Antrittsvorlesung vom Sommer 1970. ) Die weltweite Finanzkrise vor einigen Jahren dokumentierte das Recht des Staerkeren. Wenn das Recht nur „eine Sache“, bzw. nur Bestimmte schuetzt, dann duerfte es auch als „Grundvoraussetzung“ fuer Frieden wegfallen.

Andererseits scheint Ratzinger diese Gegeneinander von Starken und Schwachen ueberwinden zu wollen, in dem er die Natur ins Spiel bringt. Er appellierte: „Die Fenster muessen wieder aufgerissen werden, wir muessen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“ Wieder kommt das ‚rechte‘ ins Spiel, doch hier geht es um den sachgerechten Gebrauch eines „hoerenden Herzens“. Letzteres koennte viel versprechend interpretiert werden, war meine Idee beim Lesen.

Ratzinger stellte folgende Fragen und beantwortete sie schlieszlich mit der Bitte um ein ‚hoerendes Herz‘:
„Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Groesze finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen?“

Fuer ihn ist – aus meiner Sicht voellig ueberfluessig – Natur der Ort ‚objektiver Vernunft‘, die einen Schoepfer vermuten laesst. Dies duerfte nur jemand teilen koennen, der glaubt, dass goettliches Wirken sich in der Natur zeige und dass dies ein objektiver Sachverhalt sei. Behauptete ‚Objektivitaet‘ wird zum Rechtsinstrument des Glaeubigen gegen den Unglaeubigen. Auch hier zeigt sich roemische Rechtsauffassung. Der paepstliche Stuhl und das hoechste Lehramt duerften besessen sein von Objektivitaet und der daraus abgeleiteten Gesetzesmacht. Ratzinger auch?

Doch Ratzinger weicht letzteres einmal damit auf, dass er aus der ‚objektiven Vernunft‘ eine historische macht: „Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann muessen wir alle ernstlich ueber das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur ueberhaupt verwiesen.“

Im Kontext seiner Rede scheint Ratzinger damit die Kultur des alten Israels, Griechenland, Roms und das Christentum zu meinen. Dieser historisierende Ansatz den christlichen Wertekanon einzuordnen, koennte Fragen stellen und Antworten finden lassen, die nicht auf Gott verweisen, sondern auf die Menschen und ihre Faehigkeit, nuetzliches ‚handeln‘ zu unterscheiden. Es koennte sich moeglicherweise ergeben, dass dabei ‚gut‘ und ‚boese‘ keine Rolle spielt, sondern ausschlieszlich die Entwicklung der Faehigkeit, nuetzlich zu handeln.

Die Abgeordneten sollten ihre Fenster tatsaechlich weit oeffnen, indem sie den religioesen und philosophiehistorischen Ballast der Ratzinger Rede abwerfen. Ich wuensche mir, dass jeder auf seine Weise ‚ueber das Ganze‘ nachdenkt und die ‚Frage nach kulturellen Grundlagen‘ beantwortet, indem er seine eigene menschliche Natur erforscht.  „Wir muessen auf die Sprache der Natur hoeren und entsprechend antworten.“, raet auch Ratzinger.

Die ‚Sprache der Natur‘ sind fuer mich Koerperempfindungen, die sich fuer mich sensorierend ergeben. Sie wandeln sich in meine Eindruecke, Gedanken und Vorstellungen und werden so greifbarer. Darueber kann ich sprechen. Ich kann meine Koerpervernunft entdecken, indem ich mich erinnere. Dieser Vernunft mangelt es an der Groesze, von der Metaphysiker schwaermen und sich gegenseitig versichern, es gaebe sie. Koerpervernunft. entstammt der Physis, der sie folgt. Sie ist sensorierbar.  Die Koerpervernunft ist fuer den Alltagsgebrauch menschlichen Lebens bestimmt, d.h. sie hilft, mit anderen ueber „die Runden zu kommen“. Sie unternimmt keine Anstrengung, Gerechtigkeit herzustellen: Ihr genuegen Vertraege und Gesetze ohne Ewigkeitsanspruch. Sie muessen jederzeit revidierbar sein, wenn Menschen koerpervernuenftig handeln moechten.  

Ratzinger sagt: „… der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. … er ist … dann recht, wenn er auf die Natur hoert, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat.“

So moechte ich es gern halten und so wuensche ich es auch unseren Politikern. Anstatt Traeumen nachzuhaengen – wie „Muehen um Gerechtigkeit“ -, die die Natur des Menschen aussperren, kommt es m. E. darauf an, diese zu erforschen und sich nach ihr zu richten. Von metaphysischen Traeumen rate ich ab. „Wo viel Traeume sind, da ist Eitelkeit und viel Worte…“ (Prediger Salomon 5,6)

Enkulturation des Menschlichen



Zuschreibungen persoenlicher Eigenschaften erlebt jeder von Geburt an. Eltern gehen vom Verhalten eines Babys aus und bezeichnen je nach dem den kleinen Menschen als still, temperamentvoll, nervig, interessiert, ruhig, antriebsarm, aufgeweckt, … etc. In der Regel duerften aus einer Mischung unterschiedlicher Zuschreibungen Vorstellungen vom Charakter und Anlagen eines Saeuglings entstehen. Diese Einschaetzungen wiederum duerften das Verhalten der Erwachsenen gegenueber dem Saeugling und im Gegenzug das Verhalten des Saeuglings beeinflussen. Daraus ergeben sich weitere Zuschreibungen, Verhaltensveraenderungen usw. was sich bis an unser Lebensende fortsetzen duerfte. Es scheint mir, dies ein lebenslang wirksames Grundprinzip jedes Kontaktes zwischen Menschen zu sein, das außerdem als Basis fuer die Enkulturation jedes Einzelnen fungieren duerfte.

An dieser Stelle moechte ich anmerken, dass das bisher Erlaeuterte aus meiner Sicht auch fuer Wissenschaftler gilt. Theorien erwachsener Experten kommen haeufig mit dem Gestus daher, als seien sie geschichtslos entstanden. Vor allem Metaphysiker behaupten seit Jahrhunderten ueber allgemeingueltige Erkenntnisse zu verfuegen, die fortschreitende menschliche Entwicklung ermoeglichten und ignorieren meist einvernehmlich die Moeglichkeit, dass Veraenderungen auch ganz anderen Parametern folgen koennen. Humes sensualistische Forschungen, mit denen ich mich hier beschaeftige, duerften dazu Hinweise geben koennen.

Im Zusammenhang mit kulturellen Selbstverstaendlichkeiten duerfte das eben beschriebene Grundprinzip dazu taugen, normales (genormtes) Verhalten hervorrufen koennen. Dies ist gesellschaftlich erwuenscht. Ich entschloss mich mit 15 Jahren Lehrerin zu werden. Die Schulen Baden-Wuerttembergs orientierten sich lehrplanmaeßig an christlich-evangelischen Werten. Letztere hatte jeder Lehrer mit seiner Person zu vertreten. Dies brachte mich in Konflikt mit meinen sich seit einiger Zeit abzeichnenden agnostischen Sichtweisen. Erwachsene, die im Unterschied zu mir anders dachten und glaeubige Christen waren, veranlassten mich, meine eigenen, jugendlichen Schlussfolgerungen zu verwerfen. Ich machte mich „gehorsam – und pflichtschuldig“ daran herauszufinden, was es mit Wahrheit, Gott … etc. auf sich haben koennte. aehnlich wie Richard Rorty nahm ich an, den ’sagenhaften Ort neutralen Bewertens‘ finden zu koennen, an dem sich alle Widerspruechlichkeiten aufloesen wuerden. Ich wollte eine ‚richtige‘ Lehrerin sein koennen. Dieser Wunsch hat sich fuer mich nicht erfuellt. Anstelle von Begruendungen fand ich unbegründete Behauptungen und Rechthaberei. Menschen, die sich wie ich mit (An)Fragen rumschlugen, traf ich selten.

Kulturen folgen Normen, die sie mit Klauen und Zaehnen verteidigen. Vermutlich auch deshalb, weil jeder Mensch mit seinem Herzblut an dem haengt, was ihm durch Erziehung und Sozialisation abverlangt wurde und wird. Es schmerzt mich noch heute stets ein wenig, wenn jemand Metaphysik kritisiert, auch wenn ich selber mit Metaphysik nichts mehr anfangen kann. Das, was ein Mensch sich unter Maßgabe bestimmter Normen im Kontakt mit fuer ihn wichtigen Menschen erworben hat, wird ihm wertvoll, unabhaengig davon, ob damit etwas pragmatisch auszurichten ist oder nicht. Die individuell gestaltete Gemeinschaft mit anderen – so mein Resuemee – ist in der Regel wichtiger und duerfte das Hinsehen auf die negativen Folgen von ‚anpassen‘ erschweren bzw. verhindern koennen.

Der Koerpervernunft folgen …



... heißt sich selber finden. Als ‚vernuenftig‘ wird das bezeichnet, was ich empfinde und entsprechend handle ich. Mit ‚empfinden’ ist koerperliches ‚empfinden’ gemeint. Es entsteht aus dem, was ICH erlebt, bzw. was mein Koerper erlebt. ICH, ‚ich selber’ oder ‚Koerper‘ sind Namen fuer eine Person.

Dieser Koerper, diese Person, die andere mit Monika oder Frau Wirthgen ansprechen, unterscheidet sich von anderen deutlich durch Aussehen, Gestalt, Handeln und Sprechen. Hier koennten eine Vielzahl von einzelnen Merkmalen genannt werden, die diese Unterschiede naeher bestimmen. Doch diese bleiben fuer den augenblicklichen Zusammenhang außer Betracht.

Mein augenblickliches Thema ist: Andere philosophierende Menschen schrieben und schreiben meiner Person Eigenschaften zu. Sie reden davon, dass ein Mensch Geist, Vernunft, Verstand, Bewusstsein, Unbewusstes, … etc. habe. Dies sind metaphysisch und kulturell selbstverstaendlich erworbene Vorstellungen, die jedem viel bedeuten und mit jedem verwachsen sind, der sie verwendet. Ich habe mir jahrzehntelang davon Vorstellungen gemacht und habe bei mir nach Hinweisen auf Faehigkeiten Ausschau gehalten, die diesen Vorstellungen zugeordnet werden koennten. Immer wenn ich glaubte, derartige Faehigkeiten gefunden zu haben, stiesz ich ins Leere. Die Frage „Wer bin ich?“ wurde zu einer Plage und mein Handeln bueszte Effizienz ein.

Auf der Suche nach Kriterien verschwand meine Person handelnd in fremden Maszstaeben, die mir in irgendeiner Weise passend zu sein schienen. Daraus entstand eine Art eigene Welt aus Fremdem zusammengepuzzelt und modifiziert, in der ich mich aber nie so richtig zu Hause fuehlte. An allen Ecken und Enden waren Ungereimtheiten, die ich in heteronomer Begrenztheit uebersah. Irgendwann stand ich dann doch mit fast leeren Haenden da. Ich resuemierte: So geht es nicht. Wie aber dann? Die Idee Rolf Reinholds, auf die mir zugeordneten Eigenschaften Geist, Vernunft, Verstand, Bewusstsein, Unbewusstes, … etc. zu verzichten, gefiel mir gar nicht. Doch ich hatte zu viele Probleme und so gab ich unter Schmerzen vertraute Selbstverstaendlichkeiten nach und nach auf. Mein Ideengeber hat mich stattdessen auf ‚empfinden‘ meiner eigener Koerperimpulse verwiesen.

Die Idee KOERPERVERNUNFT ist ein philosophisches Angebot zur authentischen Neukonzeption des Eigenen, die ohne Uebernahme von Fremdem auskommt. Das was Rolf Reinhold mir jeweils nahe legte, war sein Eigenes, um herauszufinden, ob mein Handeln mit den von ihm daraus gewonnenen Annahmen besser funktionierte. Ich formuliere hier mein Eigenes, um wiederum andere zu ihrem Eigenen anzuregen. Das duerfte ‚philosophieren’ in bestem Sinne sein.

ICH selber



Traditionell-metaphysisch heißt der Terminus „ich selbst“ und bezeichnet Geistiges. Der eigene Körper zeigt sich aus dieser Perspektive als ein Additivimum bzw. Anhängsel. Vielleicht so etwas wie ein Mail-Anhang, den man erst hochladen muss, um ihn zu präsentieren.

„ICH selber“ ist die Bezeichnung für eine körperliche Einheit Mensch, für die Geistiges nicht fassbar ist. Dieses ICH hat selber keine Ahnung, was das bei ihm sein soll, was andere Geist oder das Denken oder die Vernunft usw. nennen. ICH denkt, ist die weitestgehendste Aussage zu der es stehen kann, weil es in dieser Operation ‚denken‘ sich offensichtlich befindet, wenn es sich selber als nachdenklich empfindet oder andere fragen: „Na, was denkst du?“ Dieses ‚empfinden‘, ‚fragen‘ und ‚zuschreiben‘ („Kinder seid still, Mama denkt!“) sind hilfreich: Sie operationalisieren ein Tun, von dem ICH selber erst durch sprechen etwas sagen kann. Eigentlich leicht zu kapieren: Wie anders soll es sagen können, was es denkt, als durch ’sprechen‘?
Im Gegenteil dazu meinen Philosophen des Geistes und andere Metaphysiker, dass sie das Denken ohne zu sprechen in den Blick kriegen können. Sozusagen das Denken an sich. Denn sie reden ungeniert von „Bewusstsein“ und gehen davon aus, dass es gelingen könnte, ein physisches Korrelat dazu zu finden – obwohl nicht viel dafür spricht.

ICH selber kam ins Stolpern über dieses „Rätselraten“. Ein Reflexionsphänomenologe „metaphysizierte“ über Reflexionsphänomene seines Denkens, die Ausblicke auf Vergangenes ermöglichten und ontologisch-gnoseologische Grundstrukturen von Freiheit und Zeit beweisen  sollten. Da diese aber völlig geistiger Art waren, vermisste ICH selber nicht nur das Konkrete des ’sensorieren‘, sondern auch jede Art geistiges Vermögen diese zu erfassen. Das nachdenkliche ICH selber hielt sich schließlich für unfähig dergleichen zu kapieren und flüsterte leise: Und wenn das alles nur Theorie ist? (Was bei ihm so viel wie ‚ausgedacht‘ meint! Über ‚ausgedachtes‘ zu ‚philosophieren‘, hielt es aber immer schon für ein bisschen unphilosophisch.) Ein Ander-ICH, das gerade in der Nähe war, rief: „Natürlich ist das alles Theorie!“ Erleichtert schlug ICH selber sich an den Kopf und meinte: „Oh je, ist ICH selber saublöd, dass es nicht gemerkt hat, wie blöd es war, Reflexionsphänomenologie für was Konkretes zu halten!“ ICH selber gefällt es manchmal indirekt Karl Valentin zu zitieren. An diesem Ander-ICH findet es die unverblümte, treffende  Schlichtheit so angenehm.

Wie angenehm doch ‚leben‘ und ‚philosophieren‘ sind, wenn ICH selber Geistiges einfach geistig sein lassen kann, d.h. so viel wie: ‚unbekanntes‘ unbekannt sein lassen und sich bekannten Dingen zuwenden kann, bzw. solchen Dingen, die es kennen lernen kann.

ICH



Umfassende sinnliche d.h. sensorische Prozesse und Aktivitaeten, sowie deren neurophysiologische Ergebnisse (autoaktive neuronale Netzwerke) halten physistisch gepraegte Philosophen – wie ich – fuer die Basis von ‘denken’, ‘schlussfolgern’, ‘vorstellen’, ‘handeln‘ … usw. Die Koerperorientierung dieses ‚philosophieren‘ macht den alles entscheidenden Unterschied zu jeder anderen Philosophie (Metaphysik) aus. Sie gibt auszerdem philosophischen Bezeichnungen wie z.B. ‚Vernunft‘ eine voellig andere Bedeutung, wie ich im vorigen Artikel erlaeutert habe.

Das ‚Ich‘ im Mainstream der Philosophie

Die Bezeichnung „ich“ veraendert unter physistisch gepraegter Sichtweise ihre Bedeutung gleichfalls. Um die Fuelle von Bedeutungen von „Ich“ wenigstens innerhalb des Mainstreams der Philosophie einigermaszen zutreffend erlaeutern zu koennen, muesste ich eigentlich ein mehrbaendiges Werk verfassen. Ich beschraenke mich aber jetzt darauf, einige deutliche Hinweise auf Unterschiede zu geben, die sich mir aus Jahrzehnten des Studiums nahe legten und denen jeder nachspueren kann, um herauszufinden, was Philosophen meinen koennten, wenn sie nicht nur „ich“ benutzen, sondern das „Ich“ erklaeren.

Innerhalb des philosophischen Mainstreams wird das „Ich“ als ein immaterieller, geistiger Faktor – etwas unsichtbares macht etwas Konkretes -, das denkt und ‚handeln‘ lenkt (u.a. bei Descartes und Locke). Leibniz nennt es eine Monade (m.E. eine Art grenzwertiges Abstraktum von etwas) Bei Kant ist das „Ich“ – wie bei Hegel, Schelling und Fichte – etwas ‚idealreales‘ (fand ich in Rudolf Eisler’s Woerterbuch), das es gibt, das man irgendwie kennt, aber nicht erkennt. Alle zuletzt genannten Philosophen beschreiben unterschiedliche „Iche“, behaupten aber dennoch die Identitaet des „Ich“. Diesen Paradoxien moechte ich hier nicht weiter nachgehen. Wer mehr wissen moechte, dem empfehle ich das Studium der entsprechenden Quellen, bzw. wenigstens einen Blick in ein philosophisches Woerterbuch. Ueber kritische Stellungnahmen freue ich mich.

Das ‚Ich‘ als etwas Körperliches – eine marginale Sichtweise

Ein Jedermann-Philosoph duerfte auf die Frage: „Wer bin ich?“ bzw. „Wer bist Du?“ antworten koennen: Monika Wirthgen, 62 Jahre alt, ueberwiegend weiszes Haupthaar, 1,59 m grosz, Lehrerin, Schwaebin … Dass dies auch Philosophenprofis so sehen koennen, beweist u.a. Spinoza: Er identifiziert das „Ich“ mit ‚denken‘ und betrachtet ‚denken‘ als koerperliches Phaenomen. Auch Hume geht davon aus, dass „Ich“ sensorierbar ist: Das „Ich“ sei ein „Buendel koerperlicher Empfindungen“, meint er.

ICH = Einheit Körper

Die beiden letzteren erlauben mir eine professionelle Anknuepfung an meine Sichtweise und verleihen dieser so Glaubwuerdigkeit – etwas was heute immer noch gefragt ist. „Ich“ ist aus meiner Sicht – wie ‚Koerpervernunft‘ – ein Sammelbegriff (in den Augen von Metaphysikern ein nachvollziehbarer Fehlgriff). Er bezeichnet die Einheit aller koerperlichen Vorgaenge und ist gleichzeitig der Name dieser Einheit. Diese Beschreibung stammt von Rolf Reinhold. Ich konnte sie mir nur deshalb zu Eigen machen, weil ich herausfinden wollte, was bei mir handelnd besser funktioniert, wenn ich physistisch denke und handle. Hier noch einmal vollstaendig: „ICH ist die Einheit des Koerpers, samt aller koerperlichen Prozesse und neuronalen Aktivitaeten, und der Name der Einheit.“

Diese Einheit ICH lebt von ’sensorieren‘. ICH koennte auch ‚empfinden‘ sagen. Doch weil damit in unserer philosophischen Kultur automatisch auch „idealreales“ mit assoziiert wird, bleibe ICH bei ’sensorieren‘, um deutlich zu machen, dass ICH ausschlieszlich Koerperliches bezeichnet.

Sei vernuenftig!



Die Texte dieses Blogs moechten das Vergnuegen an der Vernunft entdecken helfen. Jedem Vernuenftigen duerfte dies aeusserst unvernuenftig vorkommen. Ueblicherweise ist Vergnuegen mit Unvernunft und Vernunft mit Pflicht gepaart. Das liegt aber nicht an der Sache,  sondern an den Menschen, insbesondere Philosophen und deren Auffassungen von Vernunft.

‚Vernunft‘ irritiert

Ich thematisiere hier ‚Koerpervernunft‘ im Unterschied zu ‚Vernunft‘. Die Idee dazu aeusserte ich zum ersten Mal vor Jahren in einem Gespraech mit Rolf Reinhold: „Wenn es ueberhaupt so etwas wie Vernunft gibt, dann eine Vernunft des Koerpers.‘ Rolf Reinhold bemerkte: ‚Weisst Du, was Du gerade gesagt hast?‘ ‚Ich glaube schon.‘ erwiderte ich. Ich erinnerte mich an ein altes Vorhaben von mir, einmal die ‚Geschichte der Vernunft‘ zu schreiben. Sie sollte mit Augustin Thagaste beginnen – auch wenn bei diesem Vernunft noch ‚ratio‘ genannt wurde – und bis in die Gegenwart reichen. ‚Vernunft‘ hatte mich schon als Kind beschaeftigt, wenn meine Mutter meinte: Sei doch vernuenftig! Dieser Appell hat mich stets irritiert und so ist es mir mit der Vernunft stets ergangen: Sie irritierte mich. Eine nachdenkliche Verwandte meinte auf meine Frage nach der Vernunft: ‚Es gibt Begriffe, die lassen sich nicht hinterfragen.‘ An solchen Antworten scheinen sich meine Irritationen wie die Fliegen zu vermehren.

‚Vernunft‘ (‚ratio‘) – eine römische Erfindung?

Inzwischen behaupte ich feststellen zu koennen, dass ich so etwas wie ‚Vernunft‘ nicht zu besitzen scheine. Viele wohlmeinende Menschen versuchen mir dies immer wieder auszureden, was mich – wie koennte es anders sein – wiederum irritiert. Wieso ist es anderen so wichtig, dass ich Vernunft habe? Ich aeussere dann gelegentlich die provozierende Idee, dass aus meiner Sicht auch die alten Griechen nichts von Vernunft wussten, auch wenn Woerterbuecher das Gegenteil schreiben. Ich gehe im Moment davon aus, dass die lateinische Variante der Vernunft auf die roemischen Beamten zurueckgeht, die Einnahmen und Ausgaben auszurechnen hatten, um ihren Senatoren und Caesaren Rede und Antwort in den Staatsfinanzen geben zu koennen. Eine Methode, die schließlich im ‚imperium romanum‘ von zentraler Bedeutung für die Staats- und Goettertreue jedes Buergers wurde. Eine altgriechische Variante der Vernunft konnte ich bisher noch nicht entdecken.

‚Koerpervernunft‘ geht vom Konkreten aus

Etwas Konkretes – aehnlich wie die roemischen Beamten – habe ich vor Augen, wenn ich von ‚Koerpervernunft‘ spreche. Konkretes vertreibt meine Irritationen. Ich gehe von meinen Empfindungen aus, orientiere mich daran im Zusammenhang mit dem, was mein ‚erinnern‘ mir an Vorstellungen zugaenglich macht. Ich beziehe dabei auch das mit ein, was andere ueber die menschliche Physis herausgefunden und veroeffentlicht haben. Das, was andere mir konkret sagen koennen, erlebe ich als anregend.

‚Koerpervernunft‘ in der ‚Koerperphilosophie‘ verortet

Den letzten Anstoss zu diesem neuen Blog fand ich heute bei der Lektuere von Ernst Reinholds: Theorie des menschlichen Erkenntnisvermoegen. Gotha und Erfurt (Henningsche Buchhandlung) 1832 Google-Buch

Eine ‚koerperphilosophische Erkenntnistheorie‘ fiel mir als Bezeichnung der Idee in  den Ausfuehrungen Ernst Reinholds ein. Koerperphilosophische Ansaetze habe ich inzwischen auch bei anderen Philosophen gefunden. Ich moechte sie in diesem Blog zusammen mit meinen eigenen Gedanken zur ‚Koerpervernunft‘ veroeffentlichen. Auch Einiges zu herkoemmlichen Auffassungen von ‚Vernunft‘ moechte ich erläutern.

Meine Äußerungen zu diesem Thema sind Ergebnisse vieler Gespräche und Veränderungen meiner Sichten aus dem intensiven Diskurs mit Rolf Reinhold .  In vielerlei Hinsicht profitiere ich dabei von seiner gründlichen Erforschung seines philosophischen Ansatzes ‚AxioTentaO‘ und vor allem seiner unermüdlichen und kontinuierlichen Arbeit an einer angemessenen philosophischen Sprache.  So geht beispielsweise die Kleinschreibung von nominalisierten Verben auf sein Resuemee zurück, dass DIEPhilosophie – mit fatalen Folgen – zur Substantivierung von Verben neige. Im Rahmen Physistik werden Taetigkeiten als Taetigkeiten aufgefasst. Sie verweisen nicht notwendigerweise auf bestimmte Faehigkeiten bzw. Vermoegen des Menschen, wie dies durch Substantivierungen suggeriert wird. Die negativen Folgen derartiger Kurzschluesse bestehen u.a. darin, dass Philosophen dann irrtuemlich meinen, behaupten zu können, was etwas sei – was u.a. für ‚Vernunft‘ gelten duerfte. Physistik moechte Probleme loesen und nicht mehren. Phystik moechte ein Rahmen sein, innerhalb dessen jedem Einzelnen die Taetigkeit ‚philosophieren‘ für die Taetigkeit ‚handeln‘ dienen kann.