Unvernunft



Ich selber habe den Eindruck, dass ich unkapierbar fuer andere schreibe. Ich gebe zu: Es macht mir Freude, Worte zu finden und sie anders zu gebrauchen, damit ich das ausdruecken kann, was sonst verborgen bliebe. Aber ich moechte auch, dass andere kapieren koennen, worueber ich schreibe. Rolf Reinhold und ich haben vor einigen Tagen darueber geredet, dass es wohl sinnvoller sein koennte, das bisher philosophisch Ungesagte genau zu beschreiben – und zwar mit einfachen Worten.

‚ICH selber’ waere dann nichts weiter als ein anderes Namensschild fuer meine Person. Diese Person, also „ich“ wie ueblicherweise gesagt wird, hat lediglich darauf verzichtet zu behaupten, dass sie aus Koerper und Geist bestehe. Sie sagt: Ich weiß nicht, was Geist sein koennte. Fragt sie andere, die es wissen koennten, weil sie von Geist reden, bekommt sie viele Antworten, die sie nicht aufklaeren. Redet sie daher von Vernunft, meint sie Koerpervernunft. Fuer Metaphysiker wiederum ist das Unvernunft.

Da ich eine hochsensitive Person bin, bringen mich Antworten, die mich nicht aufklaeren, bloß durcheinander. Hochsensitive Menschen neigen naemlich dazu den Sachverhalt, dass sie etwas nicht kapieren, als von sich selber hervorgerufen aufzufassen. Auf diese Weise kann man ganz schnell ein klinischer Fall werden. Ich fuer mein Teil empfinde mich als sehr gesund, seit ich angefangen habe, das beiseite zu lassen, was ich weder kapiere, noch mir andere erklaeren koennen.

Das Verhalten einer auf Koerpervernunft setzenden Philosophin aehnelt dem einer meiner Katzen. Noch jung und unerfahren saß sie vor dem Fernsehgeraet, in dem gerade ein Eishockeyspiel uebertragen wurde. Fasziniert verfolgte sie den kleinen schwarzen Puck, der hin und her geschossen wurde. Ploetzlich verschwand der Puck aus dem Sichtfeld der Kamera. Neugierig guckte sie neben dem Fernsehgeraet ins Regal, fasste mit der Pfote nach: kein Puck. Sie wendete sich ab und zog von dannen in den Garten. Nie wieder hat sie sich durch die Bilder des Fernsehens an der Nase rumfuehren lassen. Manchmal sah sie mich an – nachdenklich, wie mir schien -, waehrend ich auf die Mattscheibe guckte.

So aehnlich wie ihr mit dem Puck ging es mir mit der Metaphysik: Fasziniert verfolgte ich die Reden anderer, ließ mich an der Nase rumfuehren, fand aber nichts. Bis ich schließlich beschloss: Da gibt es nichts fuer mich zu finden. Seither kann ich mich ganz der Koerpervernunft widmen.

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