Koerpervernunft und Empfinden

 
Man koennte den Eindruck haben, als versuche ich auf diesen Seiten ein neues rationales Dogma zu installieren. Doch Koerpervernunft unterscheidet sich deutlich von der Vernunft, wie sie in unserer Kultur und in der klassischen Philosophie üblicherweise aufgefasst wird.
 
Augustin Thagaste ist fuer mich der Erfinder der abendlaendischen Rationalitaet. Er setzte folgende Rechnung (ratio) in die Welt: Wer weisz, wie er handeln soll – für dieses ‚Wissen‘ sorgten die theologischen und philosophischen Kirchenlehrer – macht sich schuldig, wenn er anders handelt. Diese Schlussfolgerung – der Kern von rationaler Moral – diente der Kirche, um von Geburt an bis zum Tode Schuld und Suende mit dem Leben jedes einzelnen Christen zu verbinden. Es stand in kirchlicher Macht, dem Frommen durch Beichten und Suehnen seine Schuld und Suende immer wieder zu erlassen und erneut Schuld und Suende anzuhaeufen. Die letzte Abrechnung sollte vor dem Stuhl Gottes erfolgen. Diese irrationale Doppelbind-Situation veranlasste Luther m. E. neben anderem nach Gnade zu schreien und fuehrte zur Haeresie. Andere, die weniger empfindsam waren, verlegten sich aufs Verbergen ihres Handelns, das ganz anderen „Schlussfolgerungen“ folgte und in einen allseits zu beobachtenden Aktionismus – konforme Geschaeftigkeit und Politik – in der Vergangenheit und Gegenwart muendete.
 
Philosophen haben der Rationalitaet eine aehnliche, trennend wirksame Rolle zugewiesen. Erst die Behauptung, der Mensch sei ein ‚vernunftbegabtes Wesen‘ ergibt auch die Behauptung, dass Menschen unvernuenftig seien. ‚Unvernuenftig‘ sind in der Regel die anderen. Unter den klassischen Philosophen gelten diejenigen als ‚unvernuenftig‘, als ‚Gesetzesbrecher‘, als diejenigen die Ordnung und Moral gefaehrden, die fuer die Kirchenkinder Suender und Schuldige sind. Aus koerperphilosophischer Sicht befinden sich sowohl die klassischen Philosophen als auch die Kirchendogmatiker in einem laecherlichen bzw. gefaehrlichen Irrtum gefangen.
Laecherlich, weil u. a. die neurowissenschaftlichen Kenntnisse laengst anderes nahe legen, als die traditionelle Auffassung von der Dominanz der Vernunft weiterhin glauben lassen moechte. Gefaehrlich, weil weltweit operierende fundamentalistische Gruppen jeden Irrtum ihrer Religionen als Legitimation fuer ihre behauptetes frommes und akzeptables Handelns verwenden koennen.  
      
Neben den bekannten Philosophen des 18. Jahrhunderts haben auszerhalb der Erinnerungen weit verbreiteter Philosophiegeschichten Philosophen und andere Autoren der ‚Gelehrtenrepublik‘ darauf hingewiesen, dass der Mensch immer nur so handeln koenne, wie es seinem augenblicklichen Kenntnisstand und seinem momentanen Koennen entspricht. Vernunftfreunde – wie Kant – haben dieser koerpervernuenftigen Sichtweise stets widersprochen. Wie vernuenftig ist das denn?    

Koerpervernunft geht von Empfinden aus. D. h. alles, was mich sinnlich und intrakorporal beeindruckt und woraus meine zentral-neuronale Aktivitaet mein Handeln steuert und mein Denken prinzipiell mit Vorstellungen und Erinnerungen versorgt, betrachte ich als koerpervernuenftig, bzw. als leitend fuer mein Handeln. Das weitaus meiste bleibt mir unzugaenglich. Mein Handeln regt mein Nachdenken ueber die bei mir vermuteten Motive an. Das, was ich empfinde, kommt spontan zur Sprache und muendet in Texte. Doch ohne Empfinden haette ich nichts zu sagen. Ich denke, hier treffen sich Philosophen, Wissenschaftler, Dichter, Schriftsteller mit allen Menschen. Es kommt vermutlich darauf an, dass das, was wir uns gegenseitig sagen, dem gemeinsamen Handeln dienen kann. Das bezeichne ich  als koerpervernuenftig.         

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